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Wahrheit und Pluralität

Die Hose in türkis


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


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Ich habe auf Ebay eine Hose verkauft. Sie war türkis. Türkis stand mir nicht. Dem Angebot hatte ich Fotos beigefügt. Und eine Erklärung dazu. Die Hose sei türkis, sie stehe mir nicht, deshalb stünde sie zum Verkauf.

Dann fand die Hose ihren Käufer. Sie wurde bezahlt. Sie wurde verschickt.

Dann kam die Bewertung. Die Hose sei nicht richtig beschrieben gewesen. Das sei kein türkis.

Ich ärgerte mich. Nach bestem Wissen und Gewissen hatte ich die Hose beschrieben. Und wenn sie nicht türkis gewesen wäre, dann hätte ich sie ja gar nicht verkaufen müssen, denn ich verkaufte sie ja, weil sie türkis war und mir eben deshalb nicht stand.

Trotzdem las ich nach: Türkis ist im Grunde eine Sammelbezeichnung für alles zwischen grün und blau. Das Spektrum ist riesig. Die Hosenfarbe war freilich auch darunter abgebildet. Zwar ärgerte ich mich nach wie vor, doch fühlte ich mich nun wenigstens von außen bestätigter Weise im Recht.

Seither trägt jedes Ebay-Angebot einen Zusatz: Bitte bedenken Sie, dass Farbeindrücke subjektiv sind und die Farbbezeichnung allein meine Wahrnehmung wiedergibt. Bitte bedenken Sie außerdem, dass je nach Bildschirmeinstellung Farbeindrücke abweichen können. Dafür dass die Farbe, wenn der Artikel bei Ihnen eintrifft, auch die von Ihnen vorgestellte Farbe hat, kann ich keine Haftung übernehmen. – Ganz so lange ist der Zusatz freilich nicht. Sonst würde ja gar keiner mehr was von mir kaufen.

Nun ist es doch aber so, dass die Hose ihre Farbe tatsächlich niemals geändert hat. Sie hat genau eine Farbe. Und zwar hatte sie dieselbe Farbe, als sie bei mir war, die sie dann hatte, als sie beim Käufer war. Was war doch gleich der Beschwerdegrund? – Richtig, die Hose sei nicht richtig beschrieben gewesen. Aber: Wie beschreibt man denn richtig?

Die Hosen-Episode zeigt: Sprache scheitert. Denselben Gegenstand bezeichne ich anders, als ihn jemand anders bezeichnen würde. Wer kann da über die Richtigkeit urteilen? Der von außen eingeholte Rat, der sich auf gesellschaftliche Festlegung gründet, hatte mir zwar Recht gegeben: Die Farbe durfte ich ganz legitim als „türkis“ bezeichnen. Aber eine abweichende Farbe hätte ich ebenso als „türkis“ bezeichnen dürfen. So gibt es also Unmengen von „richtig“ und diese vielen „Richtige“ kommen nebeneinander in einem Spektrum zu stehen. Aber Vorsicht: Es gibt nicht unendlich viele „richtig“, denn richtig ist nur, was sich im Rahmen des Spektrums abspielt. Was außerhalb liegt, ist der sprachlichen festgelegten Zuordnung nach „falsch“.

Was ist nun wahr? Ich möchte behaupten, dass „wahr“ nicht einfach dasselbe ist wie „richtig“. Denn, während es zwar „richtig“ ist, die Farbe „türkis-mit-Schwerpunkt-auf-blau“ genauso „türkis“ zu nennen wie die Farbe „türkis-mit-Schwerpunkt-auf-grün“ – optisch würden beide sich unterscheiden und trotzdem wäre beides „richtig“ – ist in Bezug auf die Farbe meiner ganz konkreten Hose genau nur Eines „wahr“, aber eben dieses eine Wahre lässt sich nicht adäquat beschreiben, weil die Mittel meiner Wahrnehmung und meiner Sprache zu beschränkt sind (ich kann als einfacher Mensch nicht Farbanteile erkennen und sagen: 5Blau auf 2Grün, geschweige denn noch differenziertere Angaben machen). Und deshalb wähle ich zur Annäherung an das, was ich wahrnehme, mitunter anderes Vokabular als jemand anderes. Und der Andere sagt dann aus seiner Warte, das sei nicht „richtig“, was ich sage - meint aber eigentlich: Das entspricht nicht dem, was ich wahrnehme und dem, wie ich das beschreiben würde.

Gibt es also keine Wahrheit? Seit geraumer Zeit hört man das ja öfter. Wir leben im Pluralismus, da gibt es keine Wahrheit. Da gibt es viele Wahrheiten. Das halte ich für blanken Unsinn und zwar Unsinn im sprachlichen Sinn. Der Begriff „Wahrheit“ zielt auf etwas Konkretes, das als wahr bezeichnet werden kann. Wenn Vieles wahr sein soll, dann wäre das, als würde ich viele Unendlichkeiten nebeneinander behaupten. Das widerspricht dem Begriff. Entweder es gibt Wahrheit oder es gibt keine Wahrheit, aber viele Wahrheiten nebeneinander ergeben begrifflich keinen Sinn. Wenn ich das große Nebeneinander meine, dann muss ich aufhören, den Begriff „Wahrheit“ generell zu verwenden. Richtig ist es jedoch von „Multiperspektivität“ zu sprechen. Das meint, dass ich die Hosenfarbe anders wahrnehme als der Käufer. Aber bitte: Die Hose und ihre Farbe bleiben doch dieselbe – wieso sollte es also plötzlich keine Hose und keine Farbe mehr geben? Multiperspektivität schließt Vorhandensein von Wahrheit keineswegs aus.

Und dann noch ein Letztes: Dass es eine Multiperspektivität gibt, heißt auch nicht, dass deshalb alles „richtig“ ist und man nicht mehr sagen darf, was „falsch“ ist. Wenn ich meine Hose als „rot“ bezeichnet hätte, dann wäre das schlichtweg „Unwahrheit“ gewesen. Da kann dann auch keiner in vermeintlicher Toleranz sagen – man hört das wohl öfter: „Jeder hat halt seine Meinung.“ Das kann dann zwar faktisch zutreffen, aber mitunter ist es „richtig“ zu erwidern: „Ja, aber deine Meinung ist ‚falsch’“.

Ich habe auf Ebay eine Hose verkauft. Sie war türkis. Türkis stand mir nicht. Dem Angebot hatte ich Fotos beigefügt. Und eine Erklärung dazu. Die Hose sei türkis, sie stehe mir nicht, deshalb stünde sie zum Verkauf.

Dann fand die Hose ihren Käufer. Sie wurde bezahlt. Sie wurde verschickt.

Dann kam die Bewertung. Die Hose sei nicht richtig beschrieben gewesen. Das sei kein türkis.

Ich ärgerte mich. Nach bestem Wissen und Gewissen hatte ich die Hose beschrieben. Und wenn sie nicht türkis gewesen wäre, dann hätte ich sie ja gar nicht verkaufen müssen, denn ich verkaufte sie ja, weil sie türkis war und mir eben deshalb nicht stand.

Trotzdem las ich nach: Türkis ist im Grunde eine Sammelbezeichnung für alles zwischen grün und blau. Das Spektrum ist riesig. Die Hosenfarbe war freilich auch darunter abgebildet. Zwar ärgerte ich mich nach wie vor, doch fühlte ich mich nun wenigstens von außen bestätigter Weise im Recht.

Seither trägt jedes Ebay-Angebot einen Zusatz: Bitte bedenken Sie, dass Farbeindrücke subjektiv sind und die Farbbezeichnung allein meine Wahrnehmung wiedergibt. Bitte bedenken Sie außerdem, dass je nach Bildschirmeinstellung Farbeindrücke abweichen können. Dafür dass die Farbe, wenn der Artikel bei Ihnen eintrifft, auch die von Ihnen vorgestellte Farbe hat, kann ich keine Haftung übernehmen. – Ganz so lange ist der Zusatz freilich nicht. Sonst würde ja gar keiner mehr was von mir kaufen.

Nun ist es doch aber so, dass die Hose ihre Farbe tatsächlich niemals geändert hat. Sie hat genau eine Farbe. Und zwar hatte sie dieselbe Farbe, als sie bei mir war, die sie dann hatte, als sie beim Käufer war. Was war doch gleich der Beschwerdegrund? – Richtig, die Hose sei nicht richtig beschrieben gewesen. Aber: Wie beschreibt man denn richtig?

Die Hosen-Episode zeigt: Sprache scheitert. Denselben Gegenstand bezeichne ich anders, als ihn jemand anders bezeichnen würde. Wer kann da über die Richtigkeit urteilen? Der von außen eingeholte Rat, der sich auf gesellschaftliche Festlegung gründet, hatte mir zwar Recht gegeben: Die Farbe durfte ich ganz legitim als „türkis“ bezeichnen. Aber eine abweichende Farbe hätte ich ebenso als „türkis“ bezeichnen dürfen. So gibt es also Unmengen von „richtig“ und diese vielen „Richtige“ kommen nebeneinander in einem Spektrum zu stehen. Aber Vorsicht: Es gibt nicht unendlich viele „richtig“, denn richtig ist nur, was sich im Rahmen des Spektrums abspielt. Was außerhalb liegt, ist der sprachlichen festgelegten Zuordnung nach „falsch“.

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sophie in Philosophie am 12.08.2017 um 15.42 Uhr

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