Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Sprachgeschichtliche Notiz

Henseler und das Hänseln

Manchmal laufen einem Namen über den Weg, die ziemlich sprechend wirken. Namen wie „Henseler“, bei denen etwas anklingt, was nicht so angenehm ist. Dass die kleine Pauline Henseler auf dem Schulhof ihre Mitschülerinnen hänselt, muss am Namen liegen. Das „e“ statt dem „ä“ kann da nicht darüber hinwegtäuschen. Bestimmt waren auch die Vorfahren, denen dieser Name einst gegeben wurde, trietzende Zeitgenossen – so die These.

Manchmal laufen einem Namen über den Weg, die ziemlich sprechend wirken. Namen wie „Henseler“, bei denen etwas anklingt, was nicht so angenehm ist. Dass die kleine Pauline Henseler auf dem Schulhof ihre Mitschülerinnen hänselt, muss am Namen liegen. Das „e“ statt dem „ä“ kann da nicht darüber hinwegtäuschen. Bestimmt waren auch die Vorfahren, denen dieser Name einst gegeben wurde, trietzende Zeitgenossen – so die These.

Stimmt das? Mit ein bisschen wortgeschichtlichen – fachlich: etymologischen – Vorkenntnissen ist klar, dass, so Voltaire, in dieser Wissenschaft „die Vokale nichts und die Konsonanten wenig zählen.“ Das mag so stimmen, wenn ich Wortverwandtschaften in das sechste vorchristliche Jahrhundert aufdecken möchte. Deutsche Familiennamen entstanden jedoch ab etwa 1350. Damals wurde es üblich, Heiligennamen zu verwenden. Von über tausend zusammengesetzten zweigliedrigen germanischen Vornamen wie Amalung oder Ermenehild blieben wenige übrig. Die Kinder hießen nicht mehr Amalbrand oder Ermenegard, sondern Johannes und Margarete. Genauso wie die Kinder der Nachbarn.

Um den Johannes, den Schmied, vom Johannes, dem Sohn von Amalung, zu unterscheiden, bekamen sie Beinamen, die nach Generationen auch beibehalten wurden, als der Urenkel von Johannes, dem Schmied, eigentlich Johannes, der Steinmetz wurde. Und Johannes, Amalungs Sohn, wurde zu Johannes Amelung. Ja, und irgendwo in der Nachbarschaft muss auch ein Johannes oder Heinrich oder Jakob Henseler gewesen sein.

Es gab auch Namen, die von häufigen Tätigkeiten herrühren. Wackernagel gehört etwa dazu, dessen Bedeutung dem entspricht, was wir heute als Casanova bezeichnen würden. Anders als etwa Ficker, was dem Ursprung nach ein unruhiger Mensch als Beiname erhielt. Der Henseler könnte von den Voraussetzungen her ein Hänseler gewesen sein.

Mit Voltaires Bonmot können wir aber noch ein bisschen Theorien sammeln. Beim Namen „Hänssler“, wie ihn ein evangelikaler Verlag trägt, fehlt nur ein „e“. Das zudem ziemlich schwach daherkommt. Die Nähe zu „Hans“ – dem deutschen Johannes – ist dabei auch schriftlich schon größer. Die Endung „-ler“ begegnet häufig bei Ableitungen, eine Art Koseform oder einfach nur Anhang. So ist ein „Künzler“ ein kleiner Kunz, also Kind des Konrad. „Schnitzler“ und „Fiedler“ dagegen bezeichnen Berufe. „Prahler“ und „Prüller“ weisen auf auffällige Verhaltensweisen Prahlen und Brüllen.

Ist der Henseler eine Nebenform von „Hans“, eine Berufsbezeichnung, oder tatsächlich wie die Pauline Henseler ein Mensch, der hänselt?

Damit der Name von „hänseln“ kommen kann, müsste von 1350 bis etwa 1600, als die Namen ihre feste Form erhielten, das Wort „hänseln“ – oder „henseln“, „henzeln“ – existiert haben, im entsprechenden Raum und in entsprechender Form.

Das etymologische Wörterbuch ist so nett und nimmt uns die Recherche ab. Dort finden wir unter „hänseln“, dass es ursprünglich das mit Leistungen verbundene Aufnahmeritual der Hanse oder einer Gesellschaft von Männern, meist Kaufleuten, bezeichnet. Man wurde also gehänselt, um Mitglied werden zu können. Das wäre etwa so, wie wenn vom Aufnahmeritual in einen Rockerklub vom „Rockern“ gesprochen würde.

Allerdings ist „hänseln“ erst seit dem 17. Jahrhundert belegt. Da war der Name Henseler schon festgeschrieben. Ältere Varianten des Wortes sind „hansen“ oder „hensen“. Sie bedeuteten nicht das später meist scherzhafte Aufnahmeritual, sondern schlichtweg die Aufnahme in eine Hanse, einen Männerbund.

Somit ist weder der Vorgang des Hänselns als scherzhaftes Trietzen, noch das Verb an sich der Ursprung des Namens. Henseler muss eine Nebenform von Hänsel, dem kleinen Hans, sein. Dass Pauline Henseler auf dem Schulhof als Hänsler ihrer Mitschülerinnen auftritt, ist zwar fies, aber liegt gewiss nicht am Namen.

Stimmt das? Mit ein bisschen wortgeschichtlichen – fachlich: etymologischen – Vorkenntnissen ist klar, dass, so Voltaire, in dieser Wissenschaft „die Vokale nichts und die Konsonanten wenig zählen.“ Das mag so stimmen, wenn ich Wortverwandtschaften in das sechste vorchristliche Jahrhundert aufdecken möchte. Deutsche Familiennamen entstanden jedoch ab etwa 1350. Damals wurde es üblich, Heiligennamen zu verwenden. Von über tausend zusammengesetzten zweigliedrigen germanischen Vornamen wie Amalung oder Ermenehild blieben wenige übrig. Die Kinder hießen nicht mehr Amalbrand oder Ermenegard, sondern Johannes und Margarete. Genauso wie die Kinder der Nachbarn.

Um den Johannes, den Schmied, vom Johannes, dem Sohn von Amalung, zu unterscheiden, bekamen sie Beinamen, die nach Generationen auch beibehalten wurden, als der Urenkel von Johannes, dem Schmied, eigentlich Johannes, der Steinmetz wurde. Und Johannes, Amalungs Sohn, wurde zu Johannes Amelung. Ja, und irgendwo in der Nachbarschaft muss auch ein Johannes oder Heinrich oder Jakob Henseler gewesen sein.

Es gab auch Namen, die von häufigen Tätigkeiten herrühren. Wackernagel gehört etwa dazu, dessen Bedeutung dem entspricht, was wir heute als Casanova bezeichnen würden. Anders als etwa Ficker, was dem Ursprung nach ein unruhiger Mensch als Beiname erhielt. Der Henseler könnte von den Voraussetzungen her ein Hänseler gewesen sein.

Mit Voltaires Bonmot können wir aber noch ein bisschen Theorien sammeln. Beim Namen „Hänssler“, wie ihn ein evangelikaler Verlag trägt, fehlt nur ein „e“. Das zudem ziemlich schwach daherkommt. Die Nähe zu „Hans“ – dem deutschen Johannes – ist dabei auch schriftlich schon größer. Die Endung „-ler“ begegnet häufig bei Ableitungen, eine Art Koseform oder einfach nur Anhang. So ist ein „Künzler“ ein kleiner Kunz, also Kind des Konrad. „Schnitzler“ und „Fiedler“ dagegen bezeichnen Berufe. „Prahler“ und „Prüller“ weisen auf auffällige Verhaltensweisen Prahlen und Brüllen.

Ist der Henseler eine Nebenform von „Hans“, eine Berufsbezeichnung, oder tatsächlich wie die Pauline Henseler ein Mensch, der hänselt?

Damit der Name von „hänseln“ kommen kann, müsste von 1350 bis etwa 1600, als die Namen ihre feste Form erhielten, das Wort „hänseln“ – oder „henseln“, „henzeln“ – existiert haben, im entsprechenden Raum und in entsprechender Form.

Das etymologische Wörterbuch ist so nett und nimmt uns die Recherche ab. Dort finden wir unter „hänseln“, dass es ursprünglich das mit Leistungen verbundene Aufnahmeritual der Hanse oder einer Gesellschaft von Männern, meist Kaufleuten, bezeichnet. Man wurde also gehänselt, um Mitglied werden zu können. Das wäre etwa so, wie wenn vom Aufnahmeritual in einen Rockerklub vom „Rockern“ gesprochen würde.

Allerdings ist „hänseln“ erst seit dem 17. Jahrhundert belegt. Da war der Name Henseler schon festgeschrieben. Ältere Varianten des Wortes sind „hansen“ oder „hensen“. Sie bedeuteten nicht das später meist scherzhafte Aufnahmeritual, sondern schlichtweg die Aufnahme in eine Hanse, einen Männerbund.

Somit ist weder der Vorgang des Hänselns als scherzhaftes Trietzen, noch das Verb an sich der Ursprung des Namens. Henseler muss eine Nebenform von Hänsel, dem kleinen Hans, sein. Dass Pauline Henseler auf dem Schulhof als Hänsler ihrer Mitschülerinnen auftritt, ist zwar fies, aber liegt gewiss nicht am Namen.

Uli in Geschichte am 24.09.2017 um 11.40 Uhr

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