Zur Startseite Eck.Dose

Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

Der Blog des Goldseelchen-Verlags



Die Seligkeit-in-jedes-Haus-Nummer


Für eine größere Ansicht anklicken.
Urheber: Collage / CC-BY-SA 4.0 Lukasz Adamus
 (Creative Commons)

Liebe Leserin, lieber Leser,
gesegnete Weihnachten wünschen wir Dir!

Hier gibt es die ersten zwei Kapitel unserer diesjährigen Weihnachtsgeschichte.

Prolog im Himmel

Wie jedes Jahr begab es sich, dass die Engelsfürsten kamen und vor den Herrn traten. Es war seit Jahrtausenden der immer gleiche Appell. Nacheinander wurden die Boten des Herrn an den Lostopf gebeten. Der Lostopf war tatsächlich ein Topf. Ein so richtig alter Topf aus Ton. Zwischenzeitlich hatte der Herr ihn an den Propheten Elia als Requisite verliehen. Ansonsten stand der Topf immer genau in der Mitte des Garten Edens, da wo die vier Flüsse entspringen. Für die Jahreshauptversammlung ließ der Herr seinen Thron daneben stellen. Die Cheruben flatterten posaunend um ihn herum und gingen mit ihrem wichtigen Getue allen anderen Himmelsgestalten gehörig auf den Keks.

Im Topf lagen so viele Zettel wie es Engel gab. Ein bisschen doof war, dass immer die Erzengel, die den Garten bewachten, auch Lose ziehen mussten. Damit der Garten nicht so lange unbewacht blieb, zogen die immer als erste. Sie zogen auch immer dasselbe: „Bewache den Garten Eden“. Dass das mit dem Loseziehen sowieso geschoben war, das war aber eh allen klar. Sonst hätte nämlich der Satan auch mal Kaninchen vorm Ertrinken retten müssen, Blitzschläge verhindert oder einem Politiker eine gute Rede eingegeben.

Jeder Engel zog mit einem Los eine wichtige Aufgabe. Oder er zog eine Niete und musste bis zum nächsten Jahr „Hosianna“ singen. Das wurde dann von allen anderen immer mit einem großen „Ooooh“ bemitleidet. Manche Nietenzieher versuchten sich mit Ausreden, sie seien heiser. Aber der Herr weiß alles und sieht alles. Es war also aussichtslos. Und so springen wir zurück in die Schlange der Engel, die nacheinander von einer glockenklaren Stimme an den Topf gerufen werden.

„Humilitas“, ertönte es. Humilitas schlappte nach vorne und zog sich ein Los: „Bringe fünf hochmütigen Herrschern etwas Demut bei. Sei kreativ: Du kannst zum Beispiel in den USA beginnen.“ Humilitas verdrehte die Augen: „Was ist denn an den USA bitte kreativ? Das klappt doch nie!“

„Charitas“, sagte die Stimme. Charitas ahnte nichts Gutes. Widerwillig las sie: „Führe das UN-Hungerhilfswerk im Südsudan zum Erfolg.“ – „Wie soll ich das denn jetzt bitte machen? Ich war doch mit der Aktion in Bangladesh vom letzten Jahr noch gar nicht fertig!“, empörte sie sich. „Gestänkert wird hier nicht“, säuselte einer der Cheruben in besonders liebenswürdigem Tonfall und trötete mit seiner Posaune der Charitas direkt ins Ohr.

„Patientia“, klang der nächste Name. Geduldig schritt ein kerzengerader Engel zum Topf und faltete seelenruhig sein Los auf: „Geh zu den Kleingläubigen, die denken, dass ihre Gebete nicht erhört werden. Bewahre sie davor, vom Glauben abzufallen.“ – „Kommt Zeit, kommt Rat. Mir wird schon was einfallen.“ Diese Antwort hatten alle erwartet. Patientia war für ihre Engelsgeduld bekannt.

In der Schlange weiter hinten unterhielt sich Beatitudo mit seinem besten Freund Fortitudo. Sie kamen immer relativ spät an die Reihe. „Ich warte noch drauf, bis eines Tages jemand zieht ‚Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Mark ein‘“, witzelte Beatitudo. „Euro, du meinst wohl Euro“, korrigierte Fortitudo, der resistent gegenüber Humor war, dafür aber besonders forsch und vorwitzig. „Wenn ich das ziehen würde, würde ich da überhaupt trotzdem drübergehen.“

Und da sagte die glasklare Stimme auch schon: „Beatitudo“.

„Toi-toi-toi“, gab Fortitudo ihm mit auf den Weg und klopfte ihm auf die Schulter. „Was ist mit mir?“, fragte der Satan von weiter hinten. Er fühlte sich immer wieder angesprochen, obwohl eh nie jemand mit ihm sprach. Sein Job bestand nämlich jedes Jahr aufs Neue darin, den Auftrag aller anderen wo es nur ging zu sabotieren.

Beatitudo las auf seinem Zettel wieder nicht: „Gehe nicht über Los…“. Dafür zog er einmal mehr: „Sorge in 11748 Familien dafür, dass der Haussegen wieder gerade hängt.“ – „Letztes Jahr waren es noch 11567!“, maulte er. „Ja, aber der demographische Wandel ist miteingerechnet“, sagte die Glockenstimme – „Ha. Ha. Genau.“

Artikel-Seite:
123

Uli und sophie in Literatur am 24.12.2018 um 17.16 Uhr

 Drucken | 

Auch ansehen:

Kommentar verfassen

Name*:
E-Mail:
Netzseite:
Kommentar*:

 

Damit wir auch wissen, dass Du ein Mensch bist, musst Du unten in das Feld „Sicherheits-Code“ bitte noch die Buchstaben oder Zahlen aus dem Bild links abtippen.

Sicherheits-Code*:

Die Felder mit * sind verpflichtend.

Datenschutz-Hinweis: Alle Daten, die in dieses Formular eingetragen werden, können auf dieser Seite als Einträge angezeigt werden. Zusätzlich werden IP-Adresse und Zeitpunkt der Übermittlung in einer Datenbank gespeichert, um im Falle strafrechtlich relevanter Eintragungen die Herkunft nachweisen zu können.