Zur Startseite Eck.Dose

Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

Der Blog des Goldseelchen-Verlags



Abendgedanken zum 9. November aus Stuttgart

Es ist dunkel geworden


Für eine größere Ansicht anklicken.
Bild: sophie
 (© Eckdose)

Heute ist der 9. November. Irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr verschwand in Stuttgart die Sonne hinter dem Horizont. Es ist dunkel geworden. Winterzeit.

Die Kinder freuen sich. Sie haben sich ihre warmen Stiefelchen angezogen am Abend dieses 9. Novembers. Dicke Schals tragen sie um den Hals und Handschuhe an den Händen. Mit Eltern und wohl auch Pädagogen ziehen sie im Pulk durch Stuttgart-Botnang. Ihre Lichter blinken und blitzen überall auf. „Laterne, Laterne“, singen die Kinder ausgelassen, während sie marschieren. Sie freuen sich an diesem Abend des 9. Novembers. Um 18 Uhr.

Zeitgleich in Stuttgart-Mitte. Auf dem Synagogenvorplatz vor der Synagoge in der Hospitalstraße wird des Grauens gedacht. Eine Gedenkveranstaltung zum 9. November. Denn am 9. November im Jahr 1938 blitzte und blinkte überall Licht. Das Feuer fraß sich durch das jüdische Leben in Deutschland. Ein gelegtes Feuer von Deutschen voller Hass.

Deutsche voller Hass, wie es sie noch heute gibt.

Die jüdischen Gotteshäuser brannten. Jüdinnen und Juden wurden ermordet. Am nächsten Tag Zehntausende in Konzentrationslader verfrachtet. Zur industriellen Tötung. Tötung von Mitmenschen. Auch Kinder.

Die Veranstaltung in Stuttgart-Mitte kann nur unter schützendem Polizeiaufgebot stattfinden. Im Jahr 2021. 83 Jahre später sind jüdisches Leben und Gedenken an die Zerstörung, die Verwüstung, die Gewalt und den beispielosen Massenmord an Jüdinnen und Juden: bedroht.

Die Kinder singen. Ihre Laternen blitzen und blinken.

Auch am Cannstatter Marktplatz wird gedacht. In den Morgenstunden des 10. Novembers 1938 ging die Synagoge in Bad Cannstatt in Flammen auf. Im heutigen Gedenkprogramm steht:

In Stuttgart legte der Branddirektor, in zivil und ausgestattet mit einem Eimer Waschbenzin, selbst den Brand; in Cannstatt war es der Leiter der Feuerwache. Fast alle männlichen Stuttgarter Juden zwischen 18 und 65 Jahren wurden verhaftet, auch Kranke und Jugendliche unter 18 Jahren.

Irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr verschwand in Stuttgart die Sonne hinter dem Horizont. Heute am 9. November. Es ist dunkel geworden. Um die Erinnerung.

sophie in Geschichte am 09.11.2021 um 18.46 Uhr


Text von https://eckdose.de?art=418 . Alle Rechte vorbehalten.