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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Einwände gegen die Behauptung, im Kulturraum sei kein Platz

Von Wölfen, Bären und Menschen


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Bild: Uli
 (© Eckdose)

„In Deutschland ist jeder Bereich kulturell überformt. Wir haben keinen Bereich mehr, der Natur ist. Überall sind Menschen. Darum haben meiner Meinung nach Wölfe und Bären hier nichts verloren.“

Diese Aussage hörte ich neulich in einem Gespräch. Meinen Einwand, dass Räume für Wildtiere gelassen werden sollten, ließ der andere nicht gelten: Allein schon die Frage der Haftung sei problematisch. Würde eine Joggerin von einem Bären angefallen, wer hafte dann? Etwa der Wildaktivist, der die Bären wiederansiedle?

Mich stört an dieser Einstellung einiges. Vier Punkte mache ich fest:

1. Die Angst vorm bösen Wolf

Der erste ist es, Wölfe und Bären in eine Schublade zu stecken.

Wölfe sind menschenscheue Tiere. Ja, sie töten Rehe und überfallen auch mal Schafherden. Ansonsten treten sie bislang eher als narzisstische Kränkung der sich als Krone der Schöpfung betrachtenden konservativen Stammtischgäste in Erscheinung denn als Joggerinnen und Spaziergänger meuchelnde Monster. Und natürlich als Angst-Urbild im Märchen und in der Psychoanalyse. Wenn der Wolf in unserem Kulturraum keinen Platz haben soll, dann wird er sich hier auch nicht ausbreiten können. So einfach ist es.

Die Ausgrenzung des Wolfes bemüht dieselben xenophoben Narrative wie die Ausgrenzung von Menschen anderer Staatsbürgerschaft.

2. Die Rechtsferne der Umwelt

Als weiteres stelle ich mir die Frage, warum denn Haftung eine Rolle spielt. Verklage ich die Forstbehörde, wenn mir beim Lustwandeln ein wilder Keiler das Bein durchbohrt? Zeige ich die Jagdpächterin an, wenn ich aufgrund einer Kollision mit einem Hirsch eine Verletzung davontrage?

Natürlich sind meine Fragen polemische Überspitzung. Das ist genauso die Frage nach der Haftung, wenn ein wildes Tier einen Menschen tötet. Die Frage nach der Haftung stellt sich nur, wenn wir Tiere als menschliche Besitztümer betrachten, nicht als Individuen oder Teil einer juristisch nicht durchdrungenen Umwelt. Das Leben ist nicht sicher und wird es auch nicht dadurch, dass ein anderer Mensch für „Unfälle“ behaftet werden kann.

Hätte jedes Tier justiziable Besitzer, wir müssten sofort spiegelattackierende Krähen, denkmalbekotende Amseln, haustiermordende Katzen, hühnermeuchelnde Füchse, nusswerfende Eichhörnchen, dammuntergrabende Kaninchen ausrotten. Wären wir dann mit deutscher Massenmordgründlichkeit durch, müssten wir alle Wälder roden und Bäume fällen, um Joggerinnen und Spaziergänger vor herabfallenden Ästen und umstürzenden Bäumen zu bewahren. Nein, das tun wir hoffentlich nicht.

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Uli in Lebenskunde am 02.07.2023 um 19.45 Uhr


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